"Nichtstun ist für sie die Hölle"

Annika Seibt erzählt von der Flüchtlingsarbeit der Zukunftswerkstatt Heinersdorf

Seit Dezember 2016 hat die Zukunftswerkstatt Heinersdorf (ZWH) ihre Arbeit mit geflüchteten Menschen professionalisiert. Der Bezirk Pankow und der Senat fördern dafür eine Stelle mit 25 Stunden pro Woche.

Annika Seibt und ich treffen uns nach Feierabend im Nachbarschaftshaus Alte Apotheke. Die gelernte Hebamme und Heilerziehungspflegerin lacht viel während sie von ihrer Arbeit erzählt. Zwischendurch klingelt ihr Smartphone, ständig kommen Nachrichten an. "Das habe ich neu", sagt Annika stolz und zeigt auf ihr Handy, "das haben mir meine Leute geschenkt, damit sie mich endlich auch per WhatsApp erreichen können." Ihre Leute das sind Menschen, die in den Flüchtlingsunterkünften Treskowstraße, Bühringstraße und Tiniusstraße leben. Annika kennt sie fast alle mit Vornamen. Sie spricht mit ihnen wie mit guten Bekannten, in einem Mix aus deutsch und englisch. Aufs Smartphone schicken sie ihr Fotos von Behördenbriefen, die sie nicht verstehen - oder sie rufen an. Annika koordiniert, organisiert und macht Termine. Sie ist ständig im Einsatz.

Ich frage Annika nach ihrer täglichen Arbeit, nach einer typischen Woche. Das sei schwer zu beschreiben, sagt sie, im Prinzip aber genau so wie jetzt gerade - immer wieder was Neues - neue Fragen, neue Probleme. Und trotzdem gibt es bei aller Spontanität einen festen Plan:

Einmal pro Woche hält Annika in der Unterkunft Treskowstraße eine offene Sprechstunde ab. Dort hilft sie bei Anträgen und anderer amtlicher Korrespondenz.

Immer dienstags und donnerstags begleitet sie dann Menschen zum Bundesamt für Migration und Flucht (BAMF) und zur Ausländerbehörde.

Etwa einmal im Monat tagt der Frauenrat im Nachbarschaftshaus. Dieser ist ein offenes Forum, bei dem sich Frauen aus den Unterkünften über ihre alltäglichen Erlebnisse und Erfahrungen austauschen und gemeinsame Anliegen artikulieren können. Die Sitzungen finden auf deutsch statt. Die Frauen übersetzen untereinander und mit Hilfe einer Sprachvermittlerin. Annika ist stolz auf den Frauenrat, denn er hat berlinweit Vorbildcharakter. Daher war auch bereits im März 2017 der Staatssekretär für Integration der Berliner Senatsverwaltung, Daniel Tietze, zu Gast.

An Wochenenden werden regelmäßig Ausflüge angeboten. Diese führten bereits in den Botanischen Garten, ins Deutsche Historische Museum und sogar ins Elbsandsteingebirge.

Die ZWH verfolgt mit der Flüchtlingsarbeit das Ziel, die neu zugezogenen Menschen im Kiez zu integrieren und in gemeinnützige Arbeiten einzubeziehen. So findet jeden Donnerstag ein Arbeitseinsatz im Kastanienwäldchen an der Tino-Schwierzina-Straße statt. Die gemischte Gruppe aus Menschen mit und ohne Fluchterfahrung beseitigt Sturmschäden, sammelt Müll ein und entwickelt neue Ideen zur Verschönerung des Platzes. Annika weiß: "Durch die gemeinsame Arbeit entdecken viele Menschen ihr Selbstbewusstsein wieder. Alle wollen eigentlich arbeiten. Das haben sie ihr Leben lang gemacht. Das Nichtstun ist für sie die Hölle."

Perspektivisch möchte die ZWH die Arbeit mit geflüchteten Menschen noch weiter in die Vereinsarbeit integrieren. So soll der Anbau neben der Alten Apotheke gemeinsam mit handwerklich ausgebildeten Geflüchteten hergerichtet werden. Dorthin sollen dann die Beratungsangebote verlegt werden aber auch gemeinsam gestaltete Veranstaltungen wie Länder- und Themenwochen für alle Heinersdorferinnen und Heinersdorfer stattfinden. 

Text: Mareike Welke

 Wir bedanken uns beim Bezirksamt Berlin-Pankow für die finanzielle Unterstützung.